Auf Haferqualitäten in der Pferdefütterung achten!
Bei uns in Nordrhein-Westfalen gibt es kaum einen Pensionspferdebetrieb, der in der Fütterung auf Hafer verzichtet. Hafer wird entweder allein, meist aber in Kombination mit anderem Getreide oder in Verbindung mit einem fertigen Mischfuttermittel eingesetzt. Die Bedeutung in der Pferdefütterung ist ungebrochen, weil sich Hafer durch viel hochverwertbare Stärke auszeichnet. Haferstärke weist nämlich eine Struktur auf, die im Vergleich zu anderen Getreidearten eine hohe und damit für das Pferd sehr günstige Dünndarmverdaulichkeit besitzt. Aufgrund des hohen Spelzenanteiles wird einerseits das Kauen und Einspeicheln begünstigt, andererseits jedoch bereits während der Feldphase auch die Entwicklung von schädlichen Mikroorganismen auf dem Haferkorn gefördert. Auf einwandfreie hygienische Beschaffenheit des Hafers ist deshalb größter Wert zu legen. Gutes Erntewetter, sorgfältiges Trocknen und Reinigen sowie vorschriftsmäßiges Lagern des Erntegutes bieten dafür die besten Voraussetzungen.
Was sagt das Hekto-Liter-Gewicht?
Mit durchschnittlich rund 55 dt/ha fiel die letztjährige Haferernte trotz der teilweise vorhandenen Wasserknappheit noch relativ gut aus. Aber die Haferqualitäten ließen vielfach zu wünschen übrig, wie durch eine Sonderuntersuchung der Landwirtschaftskammer NRW festgestellt wurde. In dieser gemeinsamen Untersuchung mit der Agravis Raiffeisen AG Münster wurden teils sehr schlechte Qualitäten ermittelt, sowohl was die hygienische Beschaffenheit als auch das Hekto-Liter-Gewicht (HLG) bzw. den Energiegehalt des Hafers anbetraf. Die für diese Sonderaktion in größeren nordrhein-westfälischen Pferdebetrieben gezogenen Proben wurden von der Lufa in Münster analysiert. Die Ergebnisse sind den nachstehenden Tabellen zu entnehmen. Geprüft wurde dabei auch die Frage, welche Beziehungen zwischen der im Handel nach wie vor üblichen Bewertung nach Hekto-Liter-Gewicht und dem tatsächlichen Energiegehalt bzw. Futterwert des Hafers bestehen. Basis dieser Auswertung war die erst kürzlich von der Gesellschaft für Ernährungsphysiologie (GfE) verbindlich herausgegebene Energieschätzformel für Pferdefuttermittel, die auf den untersuchten Rohfraktionen Fett, Eiweiß, Faser, Asche und N-freie Extraktstoffe (z.B. Zucker, Stärke) beruht.
In der Tabelle 1 sind diese Zusammenhänge anhand der 29 untersuchten Haferproben dargestellt. Das mittlere HLG aller Proben liegt bei 53,1 kg, was zunächst einem guten Durchschnittswert entspricht. Sorten mit mehr als 55 kg HLG werden als schwer und nährstoffreich bezeichnet, in dieser Untersuchung sind das immerhin fast 30 % der Proben. Knapp über 40 % der Proben erreichen zwischen 50 und 55 kg, was mittlere Qualitäten wiederspiegelt. Die restlichen Proben weisen mit rund 47 kg ein unterdurchschnittliches HLG auf. Die Extreme reichen von niedrigen 41,9 bis sehr hohen 63,2 kg HLG. Mit steigendem HLG geht tendenziell ein Abfall des Rohfaser- und Rohproteingehaltes und ein leichter Anstieg des Rohfettgehaltes einher. Zwischen der Höhe des HLG und der Höhe des Energiegehaltes bestehen aber fast keine Zusammenhänge, die Werte variieren in den drei dargestellten HLG-Klassen lediglich von 11,3 bis 11,4 MJ DE (Mega Joule verdauliche Energie) je kg Hafer. Innerhalb der drei HLG-Klassen schwanken die Energiegehalte hingegen erheblich, wie die jeweiligen Von-Bis-Werte (rechte Spalte Tab.1) verdeutlichen.
Im Mittel aller Haferproben werden 11,4 MJDE/kg erreicht, ein Wert, der knapp unter dem üblichen DLG-Tabellenwert für Hafer von 11,52 MJDE/kg liegt.
Energiegehalt nur mit Analyse
Die statistische Beziehung zwischen dem HLG und Energiegehalt ergibt lediglich eine Korrelation von r = 0,27 bzw. ein Bestimmtheitsmaß von r² = 0,07. Das heißt, mit nur 7 % Wahrscheinlichkeit besteht ein echter Zusammenhang zwischen dem HLG und Energiewert. Haferpartien mit geringem HLG können demnach häufig mehr Energie enthalten als sehr schwerer Hafer und umgekehrt. Wie schon in früheren Untersuchungen festgestellt wurde, gibt das HLG also keinen konkreten Hinweis auf den tatsächlichen Energiegehalt, auch dann nicht, wenn die neue Energieschätzformel der GfE zugrundegelegt wird. Mit anderen Worten: Das HLG als Basis der Futterwert- und Preisermittlung von Futterhafer ist völlig ungeeignet, aber in der Praxis einfach nicht wegzudenken. Eine vergleichsweise hohe Korrelation besteht lediglich zum Rohfettgehalt des Hafers, die in dieser Auswertung mit r = 0,63 ( r² = 0,39) ausgewiesen wird. Zwischen dem Energiegehalt des Hafers und seinen Rohnährstoffgehalten (Protein, Faser usw.) ergeben sich ebenfalls keine nennenswerten Korrelationen. Lediglich im Rohfasergehalt besteht ein etwas engerer Zusammenhang (r = -0,58 bzw. r² = 0,34) zum Energiewert. Um den wahren Futterwert seines Hafers zu erfahren, bleibt dem Pferdehalter nur der Weg über eine Laboranalyse, bei der die Rohnährstoffe ermittelt und zur Energieberechnung herangezogen werden. Derartige Untersuchungen lohnen allerdings nur, wenn Betriebe sehr viel Hafer verfüttern und sich so die Untersuchungskosten relativieren lassen. Auch bestehen keine Beziehungen zur Farbe des Hafers. Weiß-, Gelb- oder Schwarzhafer unterscheiden sich ernährungsphysiologisch im Grunde nicht.
Hekto-Liter-Gewicht und Keimbesatz
Die Zusammenhänge zwischen dem HLG und dem Gesamtkeimgehalt des Hafers sind in Tabelle 2 dargestellt. Der Keimgehalt liefert wichtige Informationen zur hygienischen Beschaffenheit eines Futtermittels. Eine einwandfreie Beschaffenheit ist mindestens ebenso wichtig wie der energetische Futterwert. Meist fällt es schwer, die hygienische Beschaffenheit des Hafers richtig einzuordnen. Stellt man bereits per Sinnenprüfung ersichtliche Mängel fest (Farbveränderungen, Fremdbesatz, Geruchsabweichungen), ist eine Verfütterung nicht empfehlenswert. Häufig werden Hygienemängel aber erst durch aufwendige Analysen aufgedeckt. Basis dieser Bewertung ist deshalb die analytische Erfassung von Bakterien, Schimmel- und Schwärzepilzen sowie Hefen.
Unterteilt man die 34 Haferproben wiederum in drei HLG-Klassen, so sieht man, dass mit ansteigendem HLG der Keimbesatz abnimmt. Oder anders herum, der leichtere Hafer mit in der Regel höheren Spelzenanteilen und minderwertigen, flachen Körnern ist meist stärker keimbelastet als schwerer Hafer. In der Tendenz gilt das für das gesamte Keimspektrum. Andererseits kann natürlich auch ein leichter Hafer geringe Keimbelastungen aufweisen und ein Hafer mit hohem HLG stark belastet sein. Einzelne Ergebnisse bestätigen dies ganz klar. Natürlich gewonnenes Futter wie Getreide ist auch niemals ganz frei von Keimbelastungen, entscheidend für die Verwendung als Futter ist aber die Einhaltung gewisser Grenzwerte (Orientierungswerte). Hafer weist aufgrund seiner langen Spelzen immer mehr produkttypische Keime (z.B. Feldpilze) auf als Gerste oder Mais. Allein aus diesem Grund ist es ratsam, den Hafer nicht auf längeren Vorrat zu quetschen, denn jede Verletzung der Schale leistet eindringenden Keimen und Vorratsschädlingen (z.B. Milben) und deren Vermehrung Vorschub. Gerade belasteter Hafer sollte erst unmittelbar vor dem Verfüttern gequetscht werden.
Nicht einwandfreien Hafer verfüttern?
Wie schon erwähnt, hat Hafer naturbedingt immer einen bestimmten, produkttypischen Keimbesatz. Die Frage ist nur, ab welcher Keimbelastung von gesundheitlichen Risiken für die Pferde ausgegangen werden muss. Um dies zu beantworten, hat der Arbeitskreis „Futtermittelmikrobiologie“ des VDLUFA (Verband der Deutschen Landwirtschaftlichen Untersuchungs- und Forschungsanstalten) ein Orientierungsschema entwickelt, wonach die analysierten Keimbelastungen eines Futtermittels in Gefahrengruppen eingeteilt und bewertet werden. Aus dem Ergebnis dieser Auswertungen, die in den Lufen durchgeführt werden, resultieren Qualitätsstufen von I bis IV, wobei Stufe I eine völlig unbedenkliche Keimbelastung darstellt und bei Stufe IV bereits von einsetzendem Futterverderb auszugehen ist.
Die Einteilung von 34 Haferproben aus der Sonderuntersuchung führte zu folgendem in Tabelle 3 wiedergegebenen Ergebnis: Hinsichtlich der Futtertauglichkeit stellen Belastungen durch Bakterien nur selten ein Problem dar. Dieses Ergebnis deckt sich mit früheren Reihenuntersuchungen der Landwirtschaftskammer. Etwa die Hälfte der Proben weisen jedoch einen deutlich erhöhten bis stark überhöhten Schimmel- und Hefenbesatz auf, was in der Fütterung durchaus zu gesundheitlichen Problemen führen kann und beachtet werden muss. Schimmelpilze können bei Pferden u.a. Verdauungs- und Fruchtbarkeitsstörungen, Atembeschwerden, Koliken und eventuell auch Allergien auslösen. Hefen können Aufgasungen im Verdauungskanal und ebenfalls Koliken verursachen. Einige Haferproben enthielten Milben, die Indikator für Mängel in der Futterlagerung und Anzeichen für einsetzenden Futterverderb sind. Nach Zuteilung milbenreichen Futters können Akzeptanzminderung, Verdauungsstörungen und Allergien bei den Pferden auftreten.
Tabelle 4 enthält schließlich das Gesamtergebnis der Futtertauglichkeits-bestimmung. In dieser Auswertung werden die je Probe erreichten Qualitätsstufen der drei Keimarten (Bakterien, Pilze, Hefen) zusammengefasst, wobei jeweils die schlechteste Qualitätsstufe einer Keimart das Gesamtergebnis der Probe bestimmt. Wie zu ersehen ist, weisen nur 36 % der Haferproben der Ernte 2004 mehr oder weniger unbedenkliche bis geringe Keimbelastungen auf, 35 % sind deutlich belastet und fast ein Drittel der Proben enthält überhöhte bis stark überhöhte Keimzahlen, die ein Gesundheitsrisiko darstellen. Hafer der Qualitätsstufe IV sollte nicht mehr verfüttert werden.
Inwieweit nun tatsächlich Gesundheitsstörungen bei der Verfütterung kontaminierter oder gar verdorbener Haferpartien auftreten, hängt sicherlich auch von zahlreichen anderen Faktoren in der Pferdehaltung ab. Die tägliche Hafermenge kann dabei ebenso eine Rolle spielen wie die individuelle Veranlagung bzw. Anfälligkeit der Pferde. Kommen Mängel in der Haltung und Fütterung, gesundheitliche Belastungen, viel Stress usw. hinzu, reagieren die Pferde in der Regel früher auf belastetes Futter und umgekehrt. Insofern kann die Einteilung des Futters in Qualitätsstufen auch nur eine grobe Orientierung für die tägliche Praxis sein.
Kann man Keimbelastungen verhindern?
Keimbelastungen lassen sich sicherlich nicht gänzlich verhindern, aber zumindest minimieren. Auf das Wetter haben wir schließlich keinen Einfluss, bei schlechten Witterungs- und Erntebedingungen drohen immer gewisse Futterbelastungen durch Mikroben. Aber nach der Ernte kann einiges getan werden, um Risiken zu verringern. Ganz wichtig ist das Trocknen des Hafers. Auch wenn das Getreide vermeintlich trocken eingefahren wird, kann zusätzliches Trocknen zu einer wesentlichen Reduzierung vorhandener Keimgebelastungen beitragen. Vielfach wurde der Hafer in 2004 in den an der Untersuchung beteiligten Betrieben aufgrund des guten Erntewetters nicht vorm Einlagern getrocknet. Der Hafer erscheint oft trocken, enthält aber in den langen Spelzen mitunter noch Feuchtigkeit, die das Keimwachstum begünstigt. 87 % Trockenmasse sind beim Einlagern mindestens zu fordern. Des weiteren spielt auch die Reinigung des Hafers eine Rolle. In einem Betrieb wurden beispielsweise zwei Haferlieferungen eines Landhändlers hintereinander untersucht. Der Händler gab an, dass der Hafer mehrfach gereinigt und getrocknet war, was sich mit Abstand im besten Ergebnis der ganzen Untersuchung wiederspiegelte: Diese beiden Haferproben enthielten nicht nur das höchste Hekto-Liter-Gewicht aller Proben, sondern waren auch absolut hygienisch einwandfrei und so gut wie ohne jegliche Keimbelastung! Trocknen und Reinigen verursachen natürlich Mehrkosten, die zu kalkulieren sind, sind aber entscheidende Maßnahmen für hohe Futterqualität.
Von großer Bedeutung ist auch die richtige Lagerung des Getreides, was ein extra Kapitel darstellen könnte. Zu feucht eingelagertes, kontaminiertes Getreide wird mit zunehmender Lagerdauer natürlich nicht besser.
In der Schweinehaltung, wo oft sehr viel Getreide verfüttert wird, setz man dem Ge- treide aus Gründen der Stabilisierung, besseren Haltbarkeit und Bekömmlichkeit des Futters immer häufiger organische Säuren (z.B. Propionsäure) zu, was sich sehr bewährt hat. Mit einem Propionsäurezusatz von etwa 0,7 % können gute Erfolge bezüglich Futterhygiene erzielt werden.
Fazit für die Praxis
In einer Sonderaktion der Landwirtschaftskammer NRW und der AGRAVIS Raiffeisen AG in Münster wurden Futterhaferproben der Ernte 2004 in Pferdebetrieben gezogen und auf wertbestimmende Inhaltsstoffe sowie hygienische Beschaffenheit untersucht. Folgendes wurde ermittelt:
- Die durchschnittlichen Energiegehalte lagen mit 11,4 MJDE/kg knapp unter üblichen DLG-Tabellenwerten. Die Extreme reichten von 10,8 bis 11,9 MJDE/kg. Die Energiegehalte wurden dabei auf Basis der analytisch bestimmten Rohnährstoffe mittels der neuen GfE-Energieschätzformel berechnet.
- Das durchschnittliche Hekto-Liter-Gewicht (HLG) betrug 53,1 kg bei einer weiten Spanne von 41,9 bis 63,2 kg
- Zwischen der Höhe des HLG und den ermittelten Energiegehalten gab es so gut wie keine Zusammenhänge. Qualitätsangaben auf Basis HLG geben den wahren Futterwert des Hafers nicht wieder.
- Hinsichtlich der hygienischen Beschaffenheit des Hafers wurden teils sehr hohe Keimbelastungen festgestellt, die Risiken für die Gesundheit der Pferde darstellen können.
- Haferproben, die besonders aufwendig gereinigt und getrocknet waren, wiesen eine einwandfreie hygienische Beschaffenheit auf.
- Um die Futtertauglichkeit von Hafer zu verbessern, sind neben Trocknung und Reinigung gegebenenfalls Zusätze organischer Säuren (z.B. Propionsäure) von Vorteil.